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31. Juli 2017

Dein Weg zum Paragleiter





Du möchtest auch Paragleiten lernen? Wunderbar, ich freue mich über neue Fliegerkameraden (und natürlich auch -innen)!
Du bist noch unentschlossen? Dann ist dieses Kapitel genau für dich.

Wir wollen ein bisschen darüber plaudern was dich (und deine Familie, Partner, Arbeitgeber etc.) und natürlich auch deine Geldbörse in der nächsten Zeit erwartet. Ich will es dir weder einreden noch ausreden sondern dich so objektiv wie möglich informieren.




Es gibt verschiedene Arten, diesen Sport auszuüben. Vielleicht zieht es dich schon in die eine oder andere Richtung, vielleicht weißt du noch nicht wohin du dich entwickeln wirst.


Hier ein paar Möglichkeiten:

Woran man wahrscheinlich als erstes denkt, ist ruhig von einem Berg herunter zu schweben. Nach einer Umfrage des DHV wollen 30% der Paragleiter nichts anderes. Dabei wird auch kaum etwas passieren. Das kann man auch dann tun wenn man nicht regelmäßig sondern nur ab und zu im Urlaub fliegt.

Anspruchsvoller ist es, am Hausberg in der Thermik zu fliegen. Eine Stunde lang spazieren fliegen und Aufwinde nutzen. Thermik ist selten gleichmäßig sondern meistens turbulent und da kann es einen schon herum beuteln und der Magen kann protestieren? - auch wenn es von unten immer so ruhig aussieht.

Hike and Fly (oder Walk and Fly) ist eine spezielle Variante dieser Sportart. Mit geschulterter Ausrüstung auf einen Berg gehen und sich zumindest den beschwerlichen Abstieg ersparen indem man hinunter fliegt. Dazu ist der Gleitschirm ursprünglich erfunden worden. Es gibt auch hike and fly Wettbewerbe, z.B. BordAirRace (früher BordAirLine), der bekannteste Bewerb ist die X-Alps.

Wer nicht nur in der unmittelbaren Umgebung des Startplatzes fliegen will sondern "auf Strecke gehen" will, benötigt dazu eine eigene Ausbildung, die sogenannte Überlandberechtigung. Spitzenpiloten fliegen über 300 km am Tag, ich bin froh wenn ich 30km schaffe.

Streckenfliegen macht man nicht nur so zum Spaß, Piloten laden die GPS-Aufzeichnung ihrer Flüge auf einen Server?. Wer die meisten Kilometer gesammelt hat ist Sieger.

Wer den direkten Vergleich mit anderen sucht, wird gerne Wettbewerbe fliegen. Alle starten zugleich fliegen einen festgelegten "Task". Habe ich auch schon probiert. Spannend und lehrreich.

Die Ausbildung zum Tandem-Piloten ist anspruchsvoll, alleine schon für die Zulassungsprüfung zum Kurs muss man einiges können. Flugspaß zu zweit und/oder (Neben-)job.

Eine besondere Spielart des Paragleitens ist das Acro fliegen, Kunstflug mit dem Gleitschirm. Den Acroflieger bringen Turbulenzen und dynamische Flugzustände nicht so leicht aus der Fassung.

Bei starkem Wind kann man mit einem kleineren Schirm? fliegen. Diese kleineren Schirme reagieren sehr dynamisch. Das setzt daher besonders gute Schirmbeherrschung voraus.

Dann gibt es noch das speedriding? bei dem mit Ski und einem kleinen Schirm teils fliegend und teils fahrend ins Tal gesaust wird. Wie der Name sagt, mit hoher Geschwindigkeit.

Wer in der Ebene zu Hause ist, muss nicht auf das paragleiten verzichten. Man kann Paragleiter wie Segelflieger mit einer Seilwinde in die Luft bringen. Das Windenfliegen setzt eine eigene Ausbildung voraus. Man kann die Berechtigung zur Startart Winde und die Berechtigung zur Startart Hang gleichzeitig erwerben.

Schließlich gibt es auch noch das motorisierte Paragleiten. Für das motorisierte Paragleiten ist die erwähnte Überlandberechtigung erforderlich. Es ist möglich, die Überlandberechtigung zugleich mit dem Motorparagleiter-Schein zu erwerben. Motorparagleiter fliegen in der Früh oder am Abend in ruhiger Luft. Sofern man keine Stromleitung übersieht, ist das motorisierte paragleiten ziemlich ungefährlich.
Tipp: Wenn du ein bestimmtes Fluggebiet vor Augen hast dann informiere dich rechtzeitig ob dort das Fliegen prinzipiell erlaubt ist (Stichwort: Lufträume?). Wenn du nicht von einem Flugplatz sondern von einer Wiese starten willst dann brauchst du in Österreich eine "Außen-Abfluggenehmigung" von der jeweiligen Landesregierung. Voraussetzung dafür ist die Zustimmung von Grundstückseigentümer(!) und Gemeinde. Wie gesagt, rechtzeitig informieren.

Wenn du nicht nur in ruhiger Luft hinunter gleiten möchtest dann ist es sehr anzuraten, diesen Sport regelmäßig auszuüben. Natürlich kann man im Urlaub fliegen, aber der typische Urlaubsflieger der sonst nie fliegt sollte es bei Abgleitern? bewenden lassen.


Die Sache mit dem Wetter

Am Boden zerstört
(Quelle unbekannt)
Wir Paragleiter sind vom Wetter abhängig wie wohl kaum irgendjemand anderer.

Das bedeutet auch dass man zeitweise am Boden fest sitzt wenn das Wetter nicht passt.

Es bedeutet dass man manchmal ins Fluggebiet fährt und unverrichteter Dinge heimkehrt.

Es bedeutet dass man sich auf keinen Termin festlegen will, denn es könnte ja vielleicht Flugwetter sein. Nervig für deine Freunde und Familienmitglieder.




Wo kann man fliegen?

Die schnelle Antwort lautet: Dort wo die anderen fliegen.

Erstens muss sich das Gelände zum fliegen eignen, zweitens muss man dort auch fliegen dürfen. Der Grundbesitzer muss zustimmen (Oft wird es stillschweigend geduldet, mit der Jägerschaft sollte man sich besser nicht anlegen, Vereine pachten Flächen, im Hochgebirge gibt es normalerweise kein Problem). Gewisse Lufträume? sind für uns tabu.

Landen darf man im Prinzip überall, schließlich kann uns überall die Höhe ausgehen. Beim Streckenfliegen ist die Außenlandeerlaubnis in Österreich automatisch erteilt. Ein etwaiger Flurschaden muss ersetzt werden. 

Im Internet gibt es viel Information über Fluggebiete.

Ein neues Fluggebiet zu erkunden erfordert viel Erfahrung und gute Ortskenntnis.


Und wann?

Paragleiten kann man das ganze Jahr hindurch. Im Frühjahr und Sommer gibt es die beste Thermik (aber auch die stärksten Turbulenzen), im Herbst und Winter geht es ruhiger zu und Thermik erwischt man nur mit Glück.

Das gilt für Mitteleuropa. Viele fahren in der kalten Jahreszeit auf Urlaub in südliche Gefilde. 

Paragleiten ist ein Sport für Langschläfer. Vor 11h tut sich selten etwas, Mittag bis früher Nachmittag  ist die stärkste Thermik, und am Abend wird es wieder ruhiger. Manchmal "geht" es noch bis Einbruch der Dunkelheit - Abendthermik, Magic Air.



Sicherheit

Über Sicherheit oder genauer gesagt über die Gefahren habe ich hier in diesem Blog schon ausführlich geschrieben und dieser Artikel ist bei weitem der meistgelesene Artikel.

Auch in ein paar anderen Artikeln hier im Blog dreht es sich um Sicherheit.

Du musst bereit sein, Verantwortung für deine Sicherheit zu übernehmen. Und entscheiden ob es dir wert ist, das Risiko einzugehen. In unserer rundum-sorglos-Gesellschaft ist das schon etwas besonderes.


Wie läuft die Ausbildung ab?

Im Gegensatz zu anderen Flugsportarten ist kein ärztliches Zeugnis nötig.

Wenn du möchtest kannst du das Paragleiten bei einem Tandemflug ausprobieren oder hast es vielleicht schon gemacht. Notwendig für die Ausbildung ist das aber nicht, du fliegst von Anfang an alleine.

Am ersten Kurstag lernst du das Aufziehen des Schirms. Du läufst die Wiese hinunter und versuchst dabei, den Schirm über dir zu halten. Und dann hebst du schon zum ersten Mal ab! Dieses Erlebnis allein ist es wert, es zum Beispiel als Schnuppertag zu probieren. Wenn du dich nach dem Schnuppertag entscheidest den Kurs zu beginnen, wird dir der Schnuppertag gleich als erster Kurstag angerechnet.

Nach ca. 3 Tagen am Übungshang wird dein Fluglehrer entscheiden dass du bereit für den ersten Höhenflug bist. Oben steht ein Lehrer mit einem Funkgerät, unten steht ein Lehrer mit einem Funkgerät und sie dirigieren sich vom Startplatz zum Landeplatz.

Nach fünf Höhenflügen und einer kleinen Theorieprüfung bekommst du die Schulungsbestätigung? die dich dazu berechtigt, auch bei anderen Flugschulen Höhenflüge durchzuführen. Ich empfehle das sehr, weil du schon andere Fluggebiete kennenlernst und dir ein besseres Bild machen kannst.

Sehr lehrreich ist es, sich einen alten Schirm zu besorgen mit dem du groundhandling? übst, also das Beherrschen des Schirms am Boden.

Während der Ausbildung fliegst du verschiedene Schirme der Flugschule, vielleicht kristallisiert sich ein Favorit heraus den du dir zulegen möchtest. Aber Hand auf's Herz: Wie soll man schon als Anfänger einen Schirm beurteilen? Verlass dich darauf dass es heutzutage keine schlechten Schirme gibt. Für den Anfang rate ich zu einem Gebrauchten, da ist es nicht so tragisch wenn du ihn durch den Dreck schleifst oder einmal Kontakt mit der Botanik erlebst und einen Riss in den Schirm machst.

Nach insgesamt 40 Höhenflügen die du teilweise unter Aufsicht eines Fluglehrers und teilweise schon selbstständig durchführst  bist du bereit für die Prüfung. Sie besteht aus einer multiple-choice Theorieprüfung und einem Prüfungsflug. Der Prüfer ist dein Fluglehrer, er weiß wie du fliegst und daher ist der Prüfungsflug meist eine reine Formsache. Der Schein? gilt unbeschränkt und muss nicht verlängert werden.

Die gesetzliche Regelung ist hier nachzulesen:
https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20004772
Such nach "§ 80"
Bewerbung für Hängegleiter- bzw. Paragleiterschein - Startart Hangstart

Später kannst bzw. sollst du weitere Kurse besuchen, etwa ein Sicherheitstraining?  und den Streckenflugkurs?.

Was kostet der Spaß?

Paragleiten ist sicher die billigste Luftsportart. Ich gebe hier ganz grobe Richtwerte für die anfallenden Kosten an.

Zuerst musst du einen Kurs besuchen. Der kostet ca 1000€.

Gegen Ende der Ausbildung wirst du dir eine eigene Ausrüstung zulegen.
  • Ein neuer Schirm kostet ca 3000 €. 
  • Gurtzeug ? circa 500 bis 1000 Euro. 
  • Rettungsschirm? ca 500 €. 
  • Variometer? 100 bis 500 €. 
  • Helm ca. 100-200 € oder einen vorhandenen (Ski-,...) Helm verwenden
Das sind alles Neupreise, man kann aber auch sehr gut gebraucht kaufen. Dann kostet es ca. die Hälfte.

Optional: Ein alter Schirm für's Groundhandling?, ca. 100 € (ebay, willhaben,...)

Anstelle eines Variometers kann man eine App am Handy verwenden (sofern das Handy einen barometrischen Höhenmesser hat. Akku-Standzeit, Ablesbarkeit bei Sonne und Bedienbarkeit mit Handschuhen sind allerdings Punkte die für ein Variometer sprechen).

Du brauchst keine spezielle Bekleidung, normale Outdoor-Bekleidung tut es.

Dann brauchst du eine Haftpflichtversicherung, sie ist gesetzlich vorgeschrieben, 30-50€/Jahr.

Bergekostenversicherung, ebenfalls gesetzlich vorgeschrieben. Z.B. bei der Bergrettung, ab 24 €/Jahr.

Du kannst eine Unfallversicherung abschließen, das ist aber relativ teuer. Ich habe keine (außer der Versicherung die bei der Aeroclub-Mitgliedschaft inkludiert ist, die kostet wenig und bringt dementsprechend wenig).

Versicherungen sehen Paragleiten als Risikosportart an und schließen dieses Risiko bei normalen Unfall- und Lebensversicherungen aus.

Dein Schirm muss im Regelfall alle zwei Jahre zum Check, das kostet ca 150 bis 200€.

Der Rettungsschirm muss normalerweise 2 mal jährlich neu gepackt werden, die meisten Piloten lassen es bei einmal jährlich bewenden. Packen lassen (40-80€) oder selber machen.

Ein Sicherheitstraining bei dem verschiedene Gefahrensituationen und dynamische Flugzustände durchgespielt sowie Acro-Figuren geflogen werden ist zwar nicht vorgeschrieben, aber sehr zu empfehlen. ca. 500€, alle paar Jahre. Zuzüglich Anreise und Übernachtungen.

Wenn du nicht in unmittelbarer Nähe zu einem Fluggebiet wohnst, musst du die Anfahrt ins Fluggebiet und gegebenenfalls Übernachtungen rechnen.

Zusätzlich etwaige Seilbahn- oder Taxifahrten, das kann bis zu 20€ pro Fahrt kosten.

In vielen Fluggebieten ist eine Tagesgebühr zu entrichten, durchschnittlich 5 €.
Ggf. trittst du einem Verein bei, zahlst Mitgliedsbeitrag und ersparst dir die Tagesgebühr für das betreffende Fluggebiet.

Nicht aufgeführt sind Kosten für motorisiertes Paragleiten und Kosten für Tandem-Piloten (weil ich es nicht weiß).

Und die vielen Landebiere....


Fazit

Das Paragleiten ist doch nicht deins? Ich respektiere deine Entscheidung wenn du zu dem Schluss kommst dass dieser Sport nichts für dich ist, oder noch nichts für dich ist. Es läuft nicht davon, paragleiten kann man auch noch mit 70 und älter.

Du hast bis hierher gelesen und bist immer noch dabei?
Wilkommen, wir sehen einander in der Luft!