Sommer 2016

Ein Sommer mit durchwachsenem Wetter. Außerdem lege ich in meinem Berufsleben noch einen Endspurt hin bevor ich die Arbeit an den Nagel hänge. So bin ich nicht so oft zum fliegen gekommen wie ich gerne gewollt hätte, trotzdem bin ich mit der fliegerischen Ausbeute zufrieden.



Slowenische Geier und kroatische Nachtigallen

Das Fronleichnam-Wochenende steht vor der Tür und der Wetterbericht ist nirgends in Österreich berauschend. Da kommt der Anruf von Karlo: Hast Lust nach Slowenien und/oder Kroatien zu fahren?

Und ob ich Lust habe!

fliegt durchgehend lächelnd (indoor skydiving)





"Mindboggling!" hat Tante Olga aus Amerika geschrieben nachdem sie mein Video auf Facebook gesehen hatte. "What keeps the bodies afloat?"

"Strong magic" wäre ich versucht gewesen zurück zu schreiben. Nein, keine Zauberei, keine Levitation, auch wenn es von außen so aussieht.

Gurtzeugologie für Anfänger (Kortel Kuik)









Ich habe schon länger an ein neues Gurtzeug? gedacht. Wieder einmal hat es eine unüberschaubare Fülle von Möglichkeiten gegeben. Zuerst habe ich an ein neues Wendegurtzeug mit aktueller Protektortechnik gedacht, weil mein GIN Switch ein Problem mit dem Protektor gehabt hat: 

Reiter über den Bodensee? 

Ein Fliegerkollege hat mich aufmerksam gemacht: "Dein Airbag ist nicht aufgeblasen!" Tausend Dank, Wolfgang! 


Reiter-über-den-Bodensee-Effekt 


Ich bin mit nur teilweise aufgeblasenem Airbag? geflogen ohne es zu wissen. 
(In der Ballade "Der Reiter und der Bodensee" erfährt ein Reiter nachträglich dass er über den zugefrorenen und verschneiten Bodensee geritten ist, sich also einer Gefahr ausgesetzt hat derer er sich nicht bewusst war.) 

Der Schaumstoffteil ("Sponge") der den Airbag aufspannt kann beim Wenden des Gurtzeugs Knicke bekommen, und das ist wohl passiert. 

Für die vorige Saison hat mir Karlo sein GIN Verso geborgt (Danke, noch einmal!). 
Ui, das wackelt so! Da musste ich mich erst wieder an das Sitzbrett gewöhnen. 


Der Sponge ist eingetroffen.


Den "Sponge for Switch" gibt es bei FCA als Ersatzteil zu kaufen - offenbar bin ich nicht der erste dem das passiert ist. Jetzt ist das Switch also wieder einsatzfähig. Damit das gleiche nicht noch einmal passiert baue ich den Sponge jedes Mal nach der Landung aus, verstaue ihn separat und baue ihn am Startplatz wieder ein. Ein bisschen Fummelei, aber für meine Sicherheit ist es mir allemal wert. 

Übrigens hat der DHV schon vor Jahren darauf hingewiesen und hat geraten, Wendegurtzeuge nur beim Wandern zu wenden. Aber sowas betrifft ja immer nur die anderen.... 

Der Atlas passt nicht ins Switch. Warum ist mir das beim Probefliegen nicht aufgefallen? Ach ja, da war ich doch mit dem Verso unterwegs. Also Atlas und Switch in den Rucksack - ganz schön große Wolke, dafür dass ich ein Wendegurtzeug habe... 

Also doch ein neues Gurtzeug. 

Streckenflug-Ambitionen 

Und zwar ein Streckengurtzeug, also ein Gurtzeug mit Beinsack ("Kokon") und Heckbürzel. 

Vorteile dieser Bauart: 
  1. Es ist wärmer. 
  2. Es hat einen geringeren Luftwiderstand, was sich günstig auf die Gleitzahl? auswirkt. 
  3. Der Schirm soll besser zu spüren und zu steuern sein. 

Nachteil
Durch das größere Trägheitsmoment des (ausgestreckten) Piloten um die Hoch- (oder "Gier"?-) Achse ist die Tendenz zum Ein-twisten? größer. Bei einer Kappenstörung? soll man daher die Beine abwinkeln und "normal" fliegen. 


Oder, wie Kortel es formuliert:
http://www.korteldesign.com/spip/Überlegungen-zum-Kokon

Die Auswahl 

Wie gewohnt sollte es ein sitzbrettloses Gurtzeug mit Frontcontainer? werden. Es sollte nicht allzu schwer sein. Und sowohl in aufrechte als auch liegende Position einzustellen sein. 

Eine Lösung die alle Punkte erfüllt ist das Kortel Kuik


Bildquelle: Kortel

Die französische Firma Kortel ist bekannt für gute Gurtzeuge. So mancher Gleitschirm-Hersteller soll seine Gurtzeuge von Kortel entwickeln und fertigen lassen. 

Das Kuik verspricht so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau zu sein. Das wird durch ein modulares Konzept erreicht: Das "Basismodul" wäre an sich - ohne Retter und Protektor - als (relativ) leichtes Bergsteigergurtzeug zu verwenden. An dieses Basismodul lassen sich verschiedene Zusatz-Module anbringen wie z.B. ein Wenderucksack/Airbag, ein Schaumprotektor oder eben auch das Streckenflugmodul, bei Kortel "Race-Modul" genannt. 

"Man muss es nicht zwingend mit Beinstrecker fliegen, das Gurtzeug ist so einstellbar, dass man es sowohl in Race Position als auch ganz normal sitzend fliegen kann.
Quelle: http://www.paraalpin.info/Kuik-2_Kortel.html 

Es ist kein extremes Leichtgewicht bei dem man Hemmungen hat mit Bergschuhen hinein zu steigen, andererseits ist die Zeit der "Blei-Boote" vorbei. 

Ein Angebot im DHV-Gebrauchtmarkt habe ich auf Grund mangelnder Entschlussfreudigkeit ungenutzt verstreichen lassen. Später noch einmal hinein geschaut: da gab es doch tatsächlich wieder ein Kuik mit dem "Race"-Modul. Auch mein Gewährsmann in Sachen Gebraucht-Kauf meint dass es ein gutes Angebot ist, und so wird man sich schnell handelseins. 


Ich habe die Katze im Sack gekauft, also ohne vorher ein Kuik auch nur gesehen zu haben und ohne je ein Liegegurtzeug geflogen zu sein. Wenn's mir nicht gefällt verkaufe ich es wieder.

Die DHL-Misere 

Der Knackwurstflieger ist für super-nette Berichte bekannt, aber jetzt wird es super-nicht-nett. 

Der Verkäufer verpackt das Gurtzeug und bringt es auf meinen Wunsch zur Post statt es einem Botendienst anzuvertrauen, weil ich mit Botendiensten weniger gute Erfahrungen gemacht habe. Was ich nicht gewusst habe: Die Deutsche Post beauftragt DHL als Subunternehmer und damit geht die Misere los: 

Laut Sendungsverfolgung hat das Paket Deutschland verlassen, hat aber nie Österreich erreicht

Zuerst frage ich beim Postamt, doch die österreichische Post hat nichts (mehr) mit DHL zu tun. 

DHL Österreich verweist mich "an das Logistikunternehmen des Absenders". Dass das Logistikunternehmen des Absenders "zufälligerwiese" auch DHL heißt ruft fast hörbares Achselzucken am anderen Ende der Leitung hervor. 

DHL Deutschland ist nur sehr widerwillig zu irgendeiner Auskunft bereit, da nur der Absender Vertragspartner des Logistik-Unternehmens ist. Dieser stellt einen Nachforschungsauftrag und traktiert DHL mit Urgenzen. Nach acht Wochen ist auch die Nachforschung als gescheitert anzusehen. 

In Summe 10 Wochen in denen ich das Gurtzeug gut hätte brauchen können, z.B. beim NC-Trainingscamp

10 Wochen in denen mir die Hände gebunden waren und ich mir kein anderes Gurtzeug kaufen konnte/wollte weil ich ja den Ausgang der Nachforschung abwarten musste. 

Leistet DHL Schadenersatz? Bei DHL gibt man sich zugeknöpft. Wenn, dann hat der Absender Anrecht auf Schadenersatz und Anrecht auf Auskunft über den Schadenersatz, obwohl ich es bin der den Schaden hat. 

Es hätte die Option einer Transportversicherung gegeben.  Schon interessant: Je schlampiger das Unternehmen arbeitet, umso eher werden Kunden diesen Aufpreis bezahlen. Dieses System belohnt nicht die Sorgfalt sondern die Schlamperei. 

Was ist wenn er den Aufpreis nicht bezahlt hat? 
"Dann bekommt er nichts, das ist wohl klar!" gibt sich die ansonsten wortkarge Kunden-Beraterin kämpferisch. 

Ganz so leicht machen wir es DHL nicht, wenigstens 500€ wird DHL zahlen müssen.  Bleiben 300€ Verlust. 

Ein neues Kuik beim Importeur bestellen? Das kostet wesentlich mehr. Noch ein Blick in den DHV-Gebrauchtmarkt: Schon wieder ein Kuik mit Race-Modul zu verkaufen! Diesmal etwas älter, dafür günstiger. Ich bitte den Verkäufer, es in Österreich bei der österreichischen Post aufzugeben (er wohnt in Deutschland in der Nähe der Grenze).  



Der Retter 

Das Switch bleibt mein walk-and-fly-Gurtzeug. Der Frontcontainer ist leider nicht mit beiden Gurtzeugen zu verwenden denn das Kuik hat seinen eigenen Frontcontainer der im Beinsack integriert ist.  Damit ich nicht dauernd den Retter umbauen muss, besorge ich mir einen zweiten Retter. 

Der Retter ist ein Skyman (Idependence) Ultra Cross 125, ebenfalls über den DHV-Gebrauchtmarkt bezogen. 


Bildquelle: Skyman
Kreuzkappen sollen den Rundkappen durch bessere Pendel-Stabilität und geringere Sinkgeschwindigkeit überlegen sein. Da ich eine Nummer größer gewählt habe (125 statt 100kg) sollte ich noch eine zusätzliche Sicherheitsreserve haben. 

Die Pack-Anleitung verspricht dass das Packen ebenso leicht geht wie bei einer Rundkappe. Ein Fliegerkollege berichtet im Forum dass es sogar noch einfacher sein soll. Außerdem beträgt das Pack-Intervall nicht wie üblich 6 Monate sondern 12 Monate. 


Endlich da! 

Zu Hause probesitzen, einstellen, üben, gewöhnen. Retter einbauen und probehalber auslösen. Und die Anleitungen von Gurtzeug und Retter lesen (... "when all else fails, read instructions" ...) 

"Bevor Sie sich für einen Adler halten, und um nicht wie ein Dodo zu starten (ein etwa metergrosser, flugunfähiger Vogel) oder wie ein Albatros zu landen, sollten Sie diese Bedienungsanleitung aufmerksam lesen." 
Quelle: Gebrauchsanweisung

Die Anleitung beschreibt alle Kortel-Gurtzeuge. Wie man die Module des Kuik an- und abbaut geht nicht daraus hervor. Das Race-Modul ist bereits angebaut und ich habe nur dieses eine, also ist das im Moment kein Problem. 

Auch lesenswert für Kortel-Besitzer: Befestigung einer Herausfallsicherung - sonst hätte ich nicht gewusst wie es geht. 

Gewicht: 
4,0 kg ohne Retter aber mit Karabinern und Beschleuniger, 
Retter 1,2 kg
Das wäre sogar um 0,5 kg  leichter als Switch + Aeros-Leichtretter, wäre da nicht der Rucksack mit zusätzlichen 1,5kg. 

Die Völlerin (Steig auf die Hohe Wand) oder den Hundsi (Hundsheimer Berg) schaffe ich auch mit dieser Ausrüstung. 




In der Luft

Ein Feierabend-Flug auf der Hohen Wand. Nicht zu bockig aber doch noch thermisch. 
Abend-Soaren am Hundsheimer Berg bei zwar starkem, aber laminarem Wind. 
Und dann ein paar Flüge auf der Hohen Wand, zum Teil recht sportlich. 

Andere haben berichtet dass die ersten Flüge mit dem Liegegurtzeug nicht angenehm waren, dass man sich bei den ersten Thermikflügen fürchtet. Das kann ich zum Glück nicht bestätigen. Das Gefühl ist schon wackeliger und kippeliger als bei meinem Switch, das Kuik fliegt sich fast wie mit Sitzbrett. Aber absolut im Komfort-Bereich. 

Start - mit der Ferse nach dem Beinsack angeln - Moment, da oben raschelt's - vielleicht sollte ich mich doch lieber um den Schirm kümmern. Erst einmal ein paar Kreise über dem Skywalk und dann mit mehr Luft unterm Hintern wieder nach dem Beinsack suchen. 

Einem anderen Liegegurtzeug-Piloten abgeschaut: Start in Vorlage, laufbereit bleiben - immer noch in Vorlage in den Beinsack steigen - dann erst ins Gurtzeug setzen. Schaut richtig gut aus und funktioniert ebenso gut. Mit den Beinen drücke ich mich in den Sitz, kein neckisches Popowackeln. 

Apropos Liegegurt: Derzeit habe ich den Rückenteil noch aufrecht eingestellt, fliege also im Langsitz. Die Rücken-Neigung kann man theoretisch sogar im Flug verstellen. Das wird die nächste Gewöhnungsphase. 

Ich geb's nicht mehr her






    Die Glocke läuten! (Bordairline)




    Ihr glaubt nicht was es für ein Gefühl ist, 
    diese blöde Glocke zu läuten!

    (Gerald Gold)

    Ein Monat vorher

    Gerald Gold hat schon bei ein paar Vorträgen über die Freuden (und Leiden) der Hike-and-fly-Bewerbe erzählt, so auch im Anschluss an den Vortrag von Lex Robé.
    Gerald war schon oft bei Bordairline-Bewerben dabei, voriges Jahr sogar bei der X-Alps

    Der erste Bordairline-Bewerb des heurigen Jahres wird auf der Hohen Wand ausgetragen. 

    Parallel dazu soll es geführte Walk-and-Fly-Touren geben. Eigentlich wollte ich dabei mitmachen. Oder doch beim Bewerb starten? 

    Bei der Bordairline gilt es, innerhalb von 33 Stunden möglichst weit weg und wieder zurück zu kommen, wobei man sich gehend und fliegend fortbewegen darf. Ein Supporter ist erlaubt, aber der Pilot muss seine (Grund-)Ausrüstung selbst tragen. Fliegen in der Nacht ist natürlich verboten, aber wer will darf die ganze Nacht marschieren.

    Bei der Bordairline kann jeder selbst bestimmen wo er seine Grenzlinie legt.
    Es gemütlich oder sportlich angehen.


    Nicht ganz, denn der Wendepunkt muss mindestens 15km (Luftlinie) vom Ausgangspunkt entfernt sein. Mindestens 20% der Flugstrecke, also mindestens 6km, müssen fliegend zurückgelegt werden, projiziert auf die Linie zwischen Ausgangs- und Wendepunkt.Wenn die geflogene Distanz zu kurz ist, wird die Geh-Strecke so weit reduziert dass der geforderte Prozentsatz erreicht ist.

    Mein Gegner heißt also "Mindest-Anforderungen".

    Studium der Landkarte, Flüge auf xcontest suchen. Vor allem für den Fall dass am ersten Tag der"falsche" Wind weht. Na ja, sieht nicht ganz unmöglich aus.
    Ich habe keine Zeit zu trainieren. Deshalb muss meine Grund-Kondition ausreichen.


    Eva, möchtest du mein Supporter sein?

    So, die Würfel sind gefallen. Ich habe mich angemeldet. 



    Eine Woche vorher

    Derzeit wird für Samstag NW-Wind vorhergesagt, für Sonntag NO-Wind.
    Das vorbereitete NW-Wind-Szenario für Samstag scheint also relevant zu werden.
    Wettervorhersagen sind für so eine lange Zeit nicht zuverlässig, aber als erste Orientierung wird es wohl ausreichen.

    Ich war schon lange nicht mehr am Schneeberg, bin dort noch nie geflogen, also machen wir am Ostersonntag eine Wanderung um das Gebiet ein bisschen kennen zu lernen.

    Ich erkunde die NW-Seite der Hohen Wand zu Fuß. Vom Aussichtsturm auf der Kleinen Kanzel sieht man ein paar Paragleiter und Segelflieger an der SO-Seite der Hohen Wand fliegen. Sie machen also ordentlich Höhe. Mir ist es zu windig und zu böig zum fliegen.

    Ich habe eine erste Version meines Plans: Von der Hohen Wand in Richtung Schneeberg fliegen so weit ich komme und weiter in diese Richtung gehen. Losenheim am Schneeberg ist 15 km vom Start entfernt, das würde schon als Umkehrpunkt genügen. Dann noch 2km auf die Edelweißhütte, dort übernachten, zurück nach Losenheim fliegen und zu Fuß zur Hohen Wand. 



    Drei Tage vorher 

    Vorhersage Südost, das wäre von der Richtung OK aber zu stark, und föhnig. Früh wegfliegen bevor der Wind zu stark wird? Der Plan wackelt. Der Fadensattel wird im Lee des Schneebergs liegen, so dass der Flug von der Edelweißhütte nicht möglich sein wird. In der Früh, bevor der Föhn losgeht, gibt es da vielleicht ein Startfenster? 


    Freitag 1. April, ein Tag vorher

    Wir treffen auf der Hohen Wand zum Briefing ein. Von 60 angemeldeten Teilnehmern hat sich ein Drittel offensichtlich vom Wind abschrecken lassen. "Ihr werdet schnelle Schirme brauchen." Alle finden es cool dass ich dabei bin - na ja, hoffentlich werde ich es am Sonntag Abend auch cool finden.

    Soll die minimale Flugdistanz auf Grund der ungünstigen Windprognose aus Sicherheitsgründen von 20% auf 10% oder gar 5% reduziert werden?
    Wir stimmen ab. Eine Gruppe hartgesottener will bei 20% bleiben. Mir wären 5% am liebsten, aber ich zeige wahl-taktisch bei 10% auf damit die 20%-Fraktion nicht gewinnt. 
    Die 10%-Fraktion gewinnt.

    Es ist kalt, windig und nieselt leicht. Im Auto liegen wir bequem, aber ich bin zu aufgeregt um gut zu schlafen. 



    Samstag 2.April

    Frühstück, Wetter-Briefing: Es sieht noch schlechter aus als befürchtet. Am Schneeberg weht es schon mit 60 km/h.

    5 - 4 - 3 - 2 - 1 - Los! 


    Alle rennen los, wir hasten zum Oststartplatz. Es weht bereits ein leichter Wind aus Ost. Fieberhaft werden Schirme startklar gemacht. Ich habe mich vom Renn-Fieber anstecken lassen. Außerdem treibt mich der angekündigte starke Wind zur Eile. Eigentlich wollte ich warten bis Thermik entsteht, aber schon bin ich hinter den anderen her und in der Luft. Allerdings nicht lang. Mein Vario zeigt die Entfernung vom Startplatz. 2,5km - 2,6km - komme ich noch über diese Bäume? Bei der Ortstafel von Oberhöflein stehe ich schon wieder auf dem Boden, das Vario zeigt 2,9km. 3km hätte ich gebraucht. Allerdings zählt ja nur die auf die Linie zum Umkehrpunkt projizierte Distanz, und der Flug hat sowieso nicht viel gebracht - das haben auch andere erst nachher bemerkt.

    Hans Abl aus Mariazell ist in der Nähe gelandet. Gemeinsam machen wir uns auf Schusters Rappen. Die Wanderwege sind gut beschildert und wir kommen schnell voran. Beim Plaudern vergeht die Zeit (leider nur fast) wie im Flug. Hans fliegt seit 30 Jahren, heuer steht das Jubiläum an. Damals wurde die Fliegerei von der Alpenvereins-Jugend betrieben. Es gab weder Ausbildung noch Schein, "wir sind schwarz geflogen". Man brauchte schon einen sehr steilen Startplatz um mit einer Gleitzahl von 3 überhaupt in die Luft zu kommen. Klapper kannte man nicht. Die kamen erst später, als die Schirme leistungsfähiger wurden.Ich ziehe meinen Hut vor den Pionieren die unseren heutigen Sport ermöglicht haben.

    Am "Gländ" überholen uns zwei Paragleiter. Sie kommen natürlich schneller voran als wir Fußgänger, aber es sieht nicht gerade nach Genussflug aus. Auch einige andere sind in der Hoffnung auf einen Flug aufs Gländ hinauf gegangen, sind aber unverrichteter Dinge wieder abgestiegen.

    Am Bahnhof in Puchberg treffe ich meinen Supporter zu einer Mittagspause, Hans geht alleine weiter. 

    SMS von Rudi: Wartest du auf die Schneebergbahn? :) :)  
    Er verfolgt das Rennen per Livetracking und sieht natürlich dass ich mich jetzt nicht bewege.
    Er versorgt mich mit Informationen wo die anderen gerade sind und was sie machen.

    Nach einer kurzweiligen Wanderung gibt es eine Rast am Parkplatz des Sesselliftes. Kakao und Gugelhupf - so sieht das harte Leben eines Bordairline-Athleten aus. Dann packt Eva die Sachen für die Übernachtung in ihren Rucksack und wir gehen gemeinsam auf den Fadensattel und zur Edelweißhütte.

    Im Tal weht leichter Ostwind. Dir traue ich nicht, du bist doch sicher ein Lee-Rotor! Du willst mich nur in die Falle locken. Aber das Lüfterl begleitet uns treu bis zur Hütte - so böse kann es doch nicht sein. Noch ein Wetter-Check, dem WLAN auf der Hütte sei Dank.

    Also, das ist aufg'legt: Jetzt wird nicht übernachtet sondern geflogen! Ein ruhiger Abgleiter über die Burg, noch einmal 2,9km. Das habe ich mir früher beim Wandern oft gewünscht, und so habe ich mir das Paragleiten damals vorgestellt: Auf den Berg gehen und dann einfach ins Tal hinaus schweben. Um diesen Flug haben mich später einige beneidet. Fast alle die in der Wertung hinter mir liegen sind wesentlich mehr gegangen als ich. Sogar über 100km. Sonntag Früh hätte ich nicht fliegen können, das habe ich später erfahren. Ich werde ein gültiges Ergebnis abliefern, so viel ist jetzt schon sicher. Und dann ist mein Ziel erreicht.

    Jeden km den ich heute noch gehe muss ich morgen nicht gehen, also wandere ich noch bis Puchberg. Eva hat inzwischen ein hübsches Platzerl zum Übernachten ausfindig gemacht.



    Sonntag 3.April

    Ich habe zwar massenhaft Zeit, aber der Tatendrang lässt mich nicht mehr schlafen. Eva bringt mich wieder nach Puchberg und fährt zurück zum Übernachtungsplatz. Eine Stunde später gibt es ein gemütliches Frühstück.

    Der Rest ist schnell erzählt. Ich wandere geradezu leichtfüßig dahin, spüre das "Packl" fast nicht. Beim letzten Aufstieg über die Völlerin ruft es sich dann doch noch in Erinnerung. 

    Und dann: Ins Ziel laufen und die Glocke läuten!

    Die Auswerter kämpfen noch mit den Tücken der Elektronik. Aber dann steht fest: Tommy Hofbauer hat gewonnen. Er ist 30km geflogen, und das bei besch... Bedingungen. David Schweiger, 4. Platz, ist 150km gegangen. Wenzel Piel hat seinen Umkehrpunkt bei Losenheim gesetzt, also konsequent die Minimaldistanz anvisiert (wegen der ungünstigen Projektion des ersten Fluges hat er die 10% nicht erreicht, aber die 15km Distanz zählt trotzdem). 


    Ich habe die zweit-kürzeste Strecke (42km) zu Fuß zurückgelegt und bin trotzdem am 20.Platz von (je nach Zählung) 31 bis 36 Teilnehmern, sagen wir Mittelfeld. Meine Rechnung ist aufgegangen. Jetzt finde ich es auch cool. 




















    Mein Track


    This map was created using GPS Visualizer's do-it-yourself geographic utilities.

    Please wait while the map data loads...


    Mein Track ist am Anfang sehr ungenau, wahrscheinlich musste sich das GPS erst "warmlaufen".

    Tracks der anderen Teilnehmer: siehe unten.


    Gesammelte Tracks ... ©Jörg Müller


    Links